<< Aber auch in der Diktatur und im Krieg hat der Mensch die Möglichkeit, sich dafür zu entscheiden, anständig zu bleiben. >>

 

Autorin Carmen Korn
Deutsche Erstausgabe 2025
Herausgeber  Rowohlt Verlag
Seiten  413
Genre  Historischer Roman

 

Blind Date mit einem Buch

Carmen Korn war mir bislang völlig unbekannt – und ehrlich gesagt hätte ich mir das Buch so nicht gekauft; obwohl ich historische Romane sehr mag. Umso glücklicher bin ich, dass ich es als kostenloses Rezensionsexemplar erhalten habe, denn es hat mich positiv überrascht.

Essenz in drei Sätzen

In den Scherben das Licht erzählt die Geschichte dreier Menschen im Hamburg der Nachkriegsjahre, die zwischen Schuld, Verlust und Hoffnung ihren Weg suchen. Während Friede, Gert und Gisela mit den Schatten des Krieges ringen, entsteht ein Netz aus Freundschaft und Familie, das ihnen Halt gibt. Vor der Kulisse von Trümmern, Währungsreform und Wirtschaftswunder zeigt der Roman, wie aus Scherben ein Neubeginn wachsen kann.

Ein Tanz der Hoffnung (?)

Zunächst ein paar Worte zum Cover: Die sanften Pastellfarben stehen in einem spannenden Kontrast zum Titel, dessen „Scherben“ eine gewisse Schwere andeuten. Aus der Vogelperspektive sieht man ein junges Paar, das wie in einer stillen Choreografie wirkt – ein Tanz, der Hoffnung und Nähe inmitten der Bruchstücke des Vergangenen ausdrückt und den Blick auf einen Neubeginn lenkt. Im übertragenen Sinne ist hier der Bezug zum Inhalt des Buches hergestellt worden; dennoch deckt sich das Bild des tanzenden Paares für mich nicht mit den beiden Hauptfiguren Gert und Gisela. Es hat mich eher verwirrt als angesprochen. Ich hätte mir eine Darstellung gewünscht, die stärker metaphorisch wirkt und mehr Raum für Fantasie lässt – etwa eine Trümmerblume, die zwischen den Steinen einer Ruine hervorragt.

Starker geschichtlicher Bezug

Mit In den Scherben das Licht entführt uns die Autorin in das Hamburg der Nachkriegsjahre (1946 – 1955) – eine Stadt zwischen Trümmern und Aufbruch, zwischen Schuld und Hoffnung. Der Roman ist mehr als eine historische Kulisse: Er erzählt von Menschen, die nach Jahren des Krieges den Mut finden müssen, neu anzufangen. Was sofort auffällt, ist die atmosphärische Dichte. Die Autorin schildert die Realität der Nachkriegszeit so anschaulich, dass man die Kälte der Ruinen und den Hunger der ersten Jahre förmlich spürt. Und doch: Zwischen den Ruinen blitzt Hoffnung auf. Die Autorin schreibt nicht beschönigend, aber auch nicht düster – sie findet eine gute Balance.

Und dann die historischen Details – die Währungsreform, der Beginn des Wirtschaftswunders, die verdrängte Schuld. Die Autorin spart die Schatten nicht aus, aber sie überfrachtet den Roman nicht mit Fakten. Alles ist organisch verwoben, sodass man Geschichte nicht als Last, sondern als gelebte Erfahrung begreift.

Aber auch in der Diktatur und im Krieg hat der Mensch die Möglichkeit, sich dafür zu entscheiden, anständig zu bleiben.

Starke Charaktere

Die drei Hauptfiguren, Friede, Gert und Gisela, sind so unterschiedlich, dass man sich in jedem von ihnen wiederfinden kann. Besonders die Entwicklung von Friede fand ich spannend! (Aber ich möchte hier natürlich nicht spoilern.)

Was mich zusätzlich fasziniert hat, ist die Idee der „Wahlfamilie“. In einer Zeit, in der viele ihre Ursprungsfamilie verloren hatten, entsteht ein Netz aus Freundschaft und Verbundenheit – Blut ist nicht dicker als Wasser. Das kommt hier ganz klar zum Ausdruck.

Interessanter Schreibstil

Der Schreibstil las sich zunächst ungewohnt, fast wie gesprochene Sprache – direkt und bisweilen umgangssprachlich mit Sätzen, die wie gekappt und neu begonnen und dadurch sehr lebendig wirkten.

Mein Fazit: In den Scherben das Licht ist kein leichter Roman, aber ein hoffnungsvoller. Er erzählt von Verlust und Neubeginn, von Freundschaft und Liebe – und davon, wie man in den Scherben das Licht findet.

Winterlinge

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