<< Sie trug schon eine Schuld auf den Schultern. Unter einer zweiten würde sie endgültig zerbrechen. >>

 

Autor Sebastian Fitzek
Deutsche Erstausgabe 2025
Herausgeber  Droemer Verlag
Seiten  367
Genre  Psychothriller

 

von | 03.11.25 | Rezensionen, Krimis & Thriller

Wie immer ein Pageturner

Eine ordentliche Portion Psycho, ein Schuss Wahnsinn und eine große Kelle Nervenkitzel – Fitzek serviert mit „Der Nachbar“ (mal wieder) einen Psychothriller, der mich bis zur letzten Seite fesselte.

Essenz in drei Sätzen

Sarah Wolff zieht mit ihrer Tochter Ruby in eine abgelegene Reihenhaussiedlung am Berliner Stadtrand, um nach einem traumatischen Erlebnis ein neues Leben zu beginnen. Als sie sich in Sicherheit wägt, beginnt ein scheinbar fürsorglicher Nachbar sich heimlich in ihr Leben einzumischen und sie zu überwachen. Sarah dachte, ihre größte Angst ist es, allein zu sein – bis sie herausfindet, dass sie es nie war.

Wie immer ein Hingucker

Als langjährige Fitzek-Leserin freue ich mich auf jedes neue Buch von ihm. Besonders gefällt mir, dass Titel und Cover stets kreativ und unverwechselbar gestaltet sind – das hebt seine Werke deutlich von anderen Thrillern ab. Selbst nach längerer Zeit genügt oft ein Blick aufs Buch, und die dazugehörige Geschichte und Atmosphäre ist sofort wieder präsent.

In diesem Fall habe ich mir die limitierte Edition gegönnt, bei der das Buch in einem efeuumrankten Schuber steckt. Durch das Hochschieben des Schubers beginnen die Wörter „Fitzek“, „Nachbar“ und „Angst“ auf der Vorder- bzw. Rückseite des Buches zu Flackern; wie durch eine optische Täuschung. Was es mit diesem Effekt auf sich hat, erfährt man im Laufe des Lesens – eine sehr thematische Aufmachung!

Wie immer Kinder im Fokus

Ein Fitzek in dem Kinder keine zentrale Rolle spielen, ist kein richtiger Fitzek. Vielleicht liegt es daran, dass die Angst, ein Kind nicht schützen zu können, eine der tiefsten und universellsten Ängste ist, besonders aus der Perspektive eines Elternteils.

Mal steht die Kindheit einer Figur im Mittelpunkt, mal sind es die Kinder der Hauptfiguren, die verschwinden, bedroht oder verletzt werden – diese Thematik zieht sich wie ein roter Faden durch viele (wenn nicht sogar alle ?!) seiner Psychothriller. Auch in diesem Buch ist das deutlich spürbar: Ruby, die Tochter von Sarah Wolff, spielt eine wichtige Rolle, und auch Sarahs eigene frühe Erinnerungen werden beleuchtet. Ich finde das nicht negativ – es ist mir nur besonders aufgefallen.

Wie immer voller 'Warums'

Was bringt einen Menschen dazu, so zu denken, zu fühlen, zu handeln? Diese Frage steht für mich im Zentrum jedes Psychothrillers – und macht das Genre so faszinierend. Es sind oft die frühen Lebensjahre, das soziale Umfeld und prägende Erfahrungen, die den Wunsch nach Kontrolle, Rache oder die Entstehung dunkler Gedanken begünstigen. Das Erkunden dieser seelischen Abgründe hat für mich einen morbiden Reiz: Ich will das „Warum“ verstehen – aber mit sicherem Abstand. Beim Lesen kann ich jederzeit wegsehen, das Bild in meinem Kopf abmildern oder das Buch zur Seite legen. Deshalb mag ich Psychothriller – wohingegen Horrorfilme im Kino? Da kriegen mich keine zehn Pferde rein.

Wie immer packend

Dieses Buch spielt größtenteils in Berlin. Für mich als gebürtige Berlinerin entfaltet das Setting eine besondere Intensität: die Nähe zum Schauplatz lässt die Handlung noch greifbarer erscheinen. Eine beklemmende Aktualität erhält die Geschichte durch Themen wie Digitale Spionage und KI-gestützte Verbrechen, die sich realistisch in die Gegenwart einfügen lassen. Zusammen mit den komplexen Verstrickungen und teils erschütternden Szenen entsteht ein spannender, atmosphärisch dichter Plot. Gefühlt endet jedes Kapitel mit einem Cliffhangertypisch für Fitzeks Schreibstil, der einen regelrecht zum Weiterlesen zwingt. 

Zum Inhalt möchte ich natürlich nicht spoilern, deshalb kann ich mich abschließend nur wiederholen: Auch mit Der Nachbar ist Sebastian Fitzek wieder ein packendes Werk gelungen. Besonders gern lese ich auch die meist ausführliche Danksagung am Ende – sie liefert interessante Einblicke in die Idee hinter der Geschichte und ist (als Kontrast zum Rest des Buches) oft recht humorvoll geschrieben.

 

Hortensie

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