<< Ich gehe alles noch einmal im Kopf durch, um ihretwillen, und mir wird klar, dass mich alle belügen, die etwas mit der Sache zu tun haben. >>
| Autor | Harlan Coben |
| Deutsche Erstausgabe | 2025 |
| Herausgeber | Goldmann Verlag |
| Seiten | 440 |
| Genre | Thriller |
Meister der Spannung
Harlan Coben unterstreicht mit In tiefster Nacht erneut, dass er zurecht als einer der erfolgreichsten Krimiautoren seiner Generation betitelt wird. Sogar ein Fitzek-Zitat ziert den Buchrücken – wenn das kein Beweis dafür ist, dass dieser Mann den Thrill beherrscht …
Essenz in drei Sätzen
Nach einer wilden Nacht in Málaga erwacht der Student Sami Kierce neben der toten Anna und kann sich an nichts erinnern – ein Ereignis, das sein Leben für immer verändert. Zwei Jahrzehnte später, inzwischen suspendierter Detective und Dozent, glaubt er Anna unter seinen Schülern wiederzusehen und beginnt eine verzweifelte Suche nach der Wahrheit. Dabei wird er in ein Netz aus alten Geheimnissen, Schuld und gefährlichen Enthüllungen gezogen, das ihn zwingt, sich seiner Vergangenheit zu stellen
Abseits von Klischees
Sami Kierce ist nicht der stereotype Cop (bzw. Ex-Cop): kein knallharter Ermittler ohne Privatleben, der seine Nächte in Bars verbringt, um Erinnerungen in Alkohol zu ertränken. Sicher, auch Kierce hat sein Päkchen zu tragen und er hat Fehler begangen, aber er ist zugleich ein liebevoller Vater und Ehemann. Das wird in vielen Situationen deutlich. Die Ich-Perspektive macht es leicht, seine Gedanken und Gefühle nachzuvollziehen und die emotionale Seite der Story mitzuerleben. Nichtsdestotrotz beherrscht er sein Handwerk, und beim Lesen fieberte ich mit jeder seiner Ermittlungsschritte mit.
Ich gehe alles noch einmal im Kopf durch, um ihretwillen, und mir wird klar, dass mich alle belügen, die etwas mit der Sache zu tun haben.
Wiedersehen macht Freude
Teilweise tauchen buchübergreifende Charaktere auf – also Personen, die in anderen Thrillern von Harlan Coben schon eine Rolle spielten. Für Coben-Fans wie mich, bringt das den ein oder anderen Aha-Moment mit sich und manchmal werden sogar Lücken im Gesamtkontext geschlossen.
Cover-Twins
Apropos Gesamtkontext – wenn ich an dieser Stelle eine kleine Kritik äußern dürfte, dann diese: Cover und Titel von den deutschsprachigen Cobens sind leider immer sehr nichtssagend und unspezifisch. In tiefster Nacht könnte beispielsweise der Titel jedes beliebigen Thrillers sein, und das Cover zeigt erneut eine ländliche Kulisse mit einem Haus. Jedes Mal muss ich den Klappentext lesen, um mich an den Inhalt zu erinnern. Das ist jedoch nur ein kleiner Minuspunkt und mindert keineswegs die Qualität des Buches!
Abgründe und Augenzwinkern
Trotz heftiger Themen, wie Menschenhandel und Zwangsprostitution, ist es der Schreibstil, der mich wieder einmal begeistert hat. Die dunklen Seiten; die Abgründe der Menschheit werden ans Licht gezerrt und doch ist da dieser wortgewandte und amüsante Ton (darf ich die Worte „Thriller“ und „amüsant“ in einem Kontext verwenden?! ) in der Erzählweise von Harlan Coben. Das harmoniert erstaunlich gut und macht das Ganze irgendwie menschlicher . Trockene Krimis gibt es zu Hauf. Und ja, klar: es gilt einen Mord aufzuklären, eine Entführung aufzudecken oder vergleichbares – aber auch ein Krimi darf mit Liebe und Hoffnung und witzigen Dialogen aufwarten und so blieb der ein oder andere Schmunzler bei mir nicht aus.
Fließende Dynamik
Dies war kein Ich-wusste-es-Thriller. Also ein Thriller in dem die ganze Zeit mehr oder weniger offensichtlich ist, wer was mit welcher Intention getan hat – wodurch die Spannung sich meist eher im unteren Drittel einpegelt. Dies war ein klassischer Fall von Das-gibt-es-doch-nicht-Thriller. Geschickt verwoben und immer nur häppchenweise offenbart sich die Wahrheit und ist dabei doch nie zu 100 Prozent gewiss. Was könnte man übersehen haben? Wo ist vielleicht schon ein Hinweis gegeben worden? Warum schneidet sich Raymond im Unterricht die Fußnägel?
Spannend bis zur letzten Seite – sogar bis zum letzten Satz, aber ich will nicht zu viel verraten.
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