<< Hier waren wir frei, zwar den Elementen ausgesetzt, hungrig, erschöpft und durchgefroren, aber frei. >>

 

Autorin Raynor Winn
Deutsche Erstausgabe 2019
Herausgeber  DuMont Reiseverlag
Seiten  412
Genre  Belletristik, Memoir,  Reiseroman, 

 

Ein Mut-Mach-Roman

Gerade weil Raynor Winn in Der Salzpfad  ihre eigene Geschichte erzählt, berührte mich das Buch sehr. Die persönlichen Schicksalsschläge gehen unter die Haut; sie stimmen mitunter traurig, doch die Atmosphäre bleibt durchweg hoffnungsvoll– und wird immer wieder von einer feinen Prise Humor getragen.

Essenz in drei Sätzen

Nach dem Verlust ihres Hauses und der Diagnose einer unheilbaren Krankheit bei ihrem Mann Moth beschließen Raynor und er, den über 1000 Kilometer langen South West Coast Path in Südengland zu Fuß zu bewältigen. Ohne festes Einkommen und mit minimaler Ausrüstung erleben sie eine existenzielle Reise durch Natur, Einsamkeit und gesellschaftliche Ausgrenzung. Der Weg wird für sie zu einer Quelle der Heilung, Selbstfindung und Hoffnung – trotz aller Widrigkeiten.

Meer im Blick und Hoffnung im Gepäck

Raynor und Moth. Moth und Raynor. Ihre Verbundenheit – und die daraus resultierende Verletzlichkeit – wirkte sehr echt. Dieses Gefühl, dieses Boden-unter-den-Füßen-weggezogen-bekommen, konnte ich durch den Schreibstil sehr gut nachempfinden. Das Paar hat schon so viel gemeinsam erlebt, so viel erreicht. Ihre gemeinsame Stärke, ihr Humor und ihre stille Zärtlichkeit machen sie zu Menschen, denen man das Beste wünscht. Umso schmerzlicher ist es, dass Moths Gesundheitszustand wie ein leiser Schatten über allem liegt und beim Lesen die Frage in meinem Kopf kreiste: Wird vielleicht doch noch ein Wunder geschehen?

Besonders eindrucksvoll gezeichnet ist das Setting – der Küstenpfad im Südwesten Englands. Die Natur wird in diesem Buch zur Begleiterin, zur Herausforderung, zur Quelle von Trost.  Die raue Schönheit der Flora und Fauna wird nicht nur beschrieben, sondern erlebt. Sie ist nicht nur Kulisse, sondern Mitspieler, Resonanzraum und Rückzugsort.

Sehr detailliert und ehrlich beschreibt Winn außerdem die großen und kleinen Herausforderungen des Wanderns. Vor allem des Wanders am Existenzminimum. Dinge, die im normalen Leben selbstverständlich erscheinen, bekommen auf einem Trampelpfad mitten im Nirgendwo eine völlig neue Bedeutung: Ein trockener Schlafsack, ein Mars-Riegel, ein friedlicher Moment zu zweit – all das wird zum Inbegriff von Glück.

Hier waren wir frei, zwar den Elementen ausgesetzt, hungrig, erschöpft und durchgefroren, aber frei. 

Was wirklich zählt, zeigt sich anscheinend, wenn alles andere wegfällt.

Das Stigma der Obdachlosigkeit

Mit ihrem sehr persönlichen Blick – aber auch durch das Einbeziehen recherchierter Quellen – thematisiert Winn die Realität von Obdachlosigkeit und Armut in Englands Städten. Es wird schnell deutlich, wie tief das gesellschaftliche Stigma reicht: Sobald das Dach über dem Kopf fehlt, wird man in eine Schublade gesteckt, ausgegrenzt und oft als selbstverschuldet abgestempelt. Da überrascht es kaum, dass Raynor und Moth den einsamen Küstenpfad den Straßen durch Städte und Dörfer vorzogen – auch wenn sich diese nicht immer ganz vermeiden ließen.

Zwei Tage, ein Buch

Ich habe dieses Buch – mit dem, wie ich finde, echt schönen Cover – in einem Rutsch durchgelesen. Trotz der schweren Themen vermittelt es Hoffnung. Ein ehrlicher Reiseroman, der deutlich macht, wie viel Glück in den einfachsten Dingen steckt – und wie heilsam es sein kann, sich dem Leben mit offenen Augen und offenem Herzen zu stellen.

Ginster

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