<< Er ist wie ein Rätsel, das ich lösen will, wie eine Matheaufgabe, die ich nicht verstehe, und ich hasse es, wenn ich Matheaufgaben nicht sofort verstehe. >>

 

Autorin Caroline Wahl
Deutsche Erstausgabe 2023
Herausgeber  DuMont Verlag
Seiten  205
Genre  Roman

 

Kurzweilig...

…und sehr realitätsnah. Ein authentischer Roman, in dem wir emotionale Einblicke in den Sommer einer jungen Frau bekommen, der das Leben bislang nicht viel geschenkt hat – und die trotzdem noch zu träumen wagt. 

Essenz in drei Sätzen

Tilda, Anfang zwanzig, studiert Mathematik, arbeitet im Supermarkt und kümmert sich um ihre kleine Schwester Ida, weil ihre Mutter alkoholkrank ist; Halt findet sie in ihrem täglichen Ritual, im Schwimmbad 22 Bahnen zu schwimmen. Als Viktor in ihr Leben tritt und ihr eine Promotionsstelle in Berlin angeboten wird, gerät ihre streng geordnete Welt ins Wanken. Zwischen familiärer Verantwortung und dem Wunsch nach Freiheit muss Tilda entscheiden, ob sie bleibt oder ihren eigenen Weg geht.

Das Cover ...

…sieht nicht nur aus wie gemalt, sondern stammt tatsächlich von einer Künstlerin aus den USA: Eileen Corse. Abgebildet  ist eine ins Wasser eintauchende Frau, angedeutet in Spachteltechnik – ohne klare Details, aber dennoch eindeutig erkennbar. Umgeben von schäumenden H2O wirkt das Motiv lebendig und abstrakt zugleich. Autorinnenname und Buchtitel 22 Bahnen sind in erhabener Reliefprägung am oberen Rand platziert – in Großbuchstaben, ohne Schnörkel und im klaren Kontrast zur dynamischen Illustration. Gefällt mir gut!

Die Charaktere...

…wirken sehr „echt“. Tilda ist eine schlaue junge Frau, die träumt und leidet, liebt und hasst, die ihre Macken und Fehler hat – sehr menschlich halt. Ihre kleine Schwester Ida ist einfach nur niedlich; man möchte sie und ihr kindliches Wesen beschützen. Und dann ist da natürlich noch der schweigsame Viktor, der sich leise und unaufdringlich in Tildas Gedanken und Herz schleicht. 

Er ist wie ein Rätsel, das ich lösen will, wie eine Matheaufgabe, die ich nicht verstehe, und ich hasse es, wenn ich Matheaufgaben nicht sofort verstehe.

Der Schreibstil...

… ist sehr erfrischend und modern. Das könnte daran liegen, dass die Autorin, Caroline Wahl, bei Veröffentlichung ihres Erstlingswerks zarte 27 Jahre alt war. Das Buch las sich sehr zügig und leicht, trotz der mitunter schweren Themen wie Alkoholsucht oder Geldnot. Einzig mit der wörtlichen Rede bin ich nicht warm geworden. Der Großteil der Dialoge wurde als direkte Rede im Skriptstil verfasst, also Sprechername, Doppelpunkt und dann das Gesagte. Das hat mich beim Lesen irritiert; zumal diese Dialogform auch nicht konsistent durchgezogen wurde. An manchen Stellen kam dann nämlich die gängige wörtliche Rede in Guillemets (französischen Anführungszeichen) zum Einsatz. 

Der Plot...

vereint Tiefe und Schwere mit Momenten von Leichtigkeit. Alltagsszenen wie die Arbeit an der Supermarktkasse, das Schwimmen der allabendlichen 22 Bahnen oder das Bringen der kleinen Schwester zur Schule wirken unscheinbar, sind aber entscheidend, um Tildas Leben zu verstehen. Im Laufe der Geschichte fügen sich nach und nach die Puzzleteile zusammen, enthüllen die Vergangenheit und lassen die Gegenwart klarer erscheinen. Dieses sukzessive Konstruieren der Rahmenstory ist der Autorin sehr gut gelungen.

Wenn ihr wissen möchtet, ob es Tilda gelingt den Spagat zwischen den Verheerungen des Familienlebens und den eigenen Wünschen und Zukunftsplänen zu meistern, dann lest dieses Buch 😉 

Der Folgeband mit dem Titel Windstärke 17  steht auch schon in meinem Regal. Hier wird die Geschichte von Tildas Schwester Ida erzählt.

Lavendel

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